Der Siebte Tag – „24″ und die Rettung der Welt (Teil Zwei)

Folterwerkzeuge
Folterndes Storytelling
Grade die Darstellung von Folterszenen hat 24 in den letzten Jahren viel Kritik eingebracht. Neben den häufig sehr drastischen Gewaltdarstellungen wurde der Serie vorgeworfen, dazu beizutragen Folter als legitimes Mittel zu etablieren und ihre Anwendung damit im öffentlichen Bewusstsein zu normalisieren und zu rechtfertigen. Tatsächlich wird in 24 inflationär häufig gefoltert: während das US-Fernsehen in den Jahren 1996-2001 mit 102 Folterszenen aufwarten konnte, schnellte die Zahl besagter Darstellungen im Zeitraum 2002-2005 bereits auf 624 Szenen – 67 davon stammten allein aus den ersten fünf Staffeln der Serie. Diese Zahlen machen allerdings auch klar, dass Folterszenen unverzichtbarer Bestandteil der Erfolgsformel von 24 sind. Der Spannungsbogen einer Staffel wird durch die immer wieder durch das Team der Terrorismusabwehr gefundenen kleinen Hinweise (meist auf den nächsten Anschlag oder die Identität der TäterInnen) aufrecht erhalten. Um die Handlung so voranzubringen bleibt den DrehbuchautorInnen nur eine begrenzte Anzahl von Mitteln: das simple Auffinden von unachtsam hinterlassenen Gegenständen, Hinweise von beteiligten Personen, von der EDV-Abteilung gefundene Daten, das einfache Verhör, ein gewitztes Austricksen von Verhörpartnern – und eben Folter. Kein Wunder also, dass so oft gefoltert wird; alles Andere wird einfach schnell langweilig. Deutlich wird so auch, weshalb sich die Handlungen aller Staffeln 24 so sehr ähneln – die Erfolgsformel wird, nachdem sie sich in der ersten Staffel bewährte, jedes Mal nur leicht variiert. Mal ist Jack Bauer im Dienste seiner Brötchengeberin CTU unterwegs, mal nicht, mal führt die Verschwörung bis hinauf ins Weiße Haus, mal nicht. Die einzig spannenden Fragen, die eine neue Staffel bieten kann sind die wer auf welche Weise stirbt und wer sich am Ende als VerräterIn entpuppt. Das Leben der Hauptfigur ist, wie in einem Bond-Film, nie ernsthaft bedroht – dafür werden Nebencharaktere umso lieber verheizt.
Auch die siebte Staffel hält sich strikt an das Programm, obwohl zumindest die ersten Folgen den Eindruck erwecken, dass sich das „kreative“ Team hinter der Serie der Kritik bewusst ist. Tag 7 beginnt mit einem Gerichtsverfahren gegen Bauer, der sich für seine Taten der vergangen Jahre verantworten muss, und das ansonsten gerne bediente Feindbild des islamististischen Terroristen wird dieses Mal sogar in Frage gestellt indem im weiteren Verlauf unschuldige amerikanische Muslime als erst Sündenböcke für eine Reihe von Anschlägen ausgemacht und nachher entlastet werden. Sutherland’s Charakter wird zudem eine regeltreue FBI-Agentin zur Seite gestellt, die sein agressives Vorgehen immer wieder kritisiert, um wiederum schließlich doch selbst auf seine Mittel zurückzugreifen.

Feinde Überall
Alles beim Alten also. Auch dieses Mal arbeiten amerikanische VerschwörerInnen mit ausländischen TerroristInnen zusammen, auch dieses Mal wird auf höchster Ebene gegen die US-Regierung intrigiert. Die bösen AusländerInnen sind dieses Mal afrikanischer Herkunft, was ebenfalls ganz dem etablierten Schema entspricht – denn der Kampf gegen den Terrorismus ist in 24 immer auch ein Konflikt zwischen der USA und „rückständigeren“ Ländern, und damit der Kampf zwischen Zivilisation und Natur, zwischen Ordnung und Chaos. Serbien, der Mittlere Osten, Mexico, die Türkei, Russland, China und dieses Mal eben ein fiktives Land im südlichen Afrika sind die Herkunftsorte der importierten ÜbeltäterInnen, welche in Zusammenarbeit mit ihren korrupten amerikanischen HelferInnen meist aus schlecht ausgeleuchteten, unaufgeräumten Hauptquatieren oder gleich direkt aus dem Dschungel agieren. Die Gegenseite hingegen arbeitet in hellen, großen, weitläufigen und gut durch organisierten, mit modernster Technik vollgestopften Büros. Sei es das FBI oder eben die fiktive „Counter-Terrorist-Unit“ – auf Seite der Guten herrschen Ordnung und Licht, sind die Befehlsketten klar und transparent und sollen Menschenleben gerettet werden, auf der Seite der VerschwörerInnen werden Regierungen demontiert, Flugzeuge vom Himmel geholt, Atombomben gezündet. Zumindest in der Originalfassung sind 24s VerbrecherInnen schon an ihrer Sprache zu erkennen, die im Falle der ausländischen TerroristInnen meist von starken Akzenten geprägt ist. Bauer und seine Kollegen sprechen dagegen alle ein mustergültiges Standard-Englisch; was ebenfalls zeigt, dass hier nicht nur US-Bürger gerettet, sondern mit ihnen gleich die gesamte Zivilisation von korrumpierenden Einflüssen geschützt werden soll, die diese zu zersetzen drohen. Da überrascht es wenig, dass die terroristischen Akte stets persönlich und eigennützig motiviert sind. Gewalt wird hier entweder legitim angewendet, um die amerikanische Rechtstaatlichkeit und ihre Bürger zu schützen oder sie wird von moralisch fragwürdigen, profit- und machthungrigen, psychisch instabilen Aggressoren missbraucht. Die Verschwörungen gegen die amerikanischen Regierungen zielen in 24 niemals auf das Abschaffen der bisherigen Ordnung oder das Schaffen einer gerechteren Gesellschaft; ihren DrahtzieherInnen verlangt es stattdessen nur nach mehr Profit, persönlicher Macht oder einfach nach Rache. Dabei benutzen sie durchaus ideologische Argumentationsmuster um ihr Handeln zu begründen, wobei die Serie aber wenig Zweifel an ihren eigentlichen Intentionen lässt – in Staffel 6 arbeiten altsowjetische KommunistInnen, islamistische TerroristInnen, rechtsextreme US-AmerikanerInnen und chinesische ParteikommunistInnen dann auch ganz reibungslos zusammen gegen Amerika.

Der Feind lauert, wie schon erwähnt, immer auch im eigenen Land – ein Thema, welches welches in der 233jähringen Geschichte der USA immer wieder Futter für die rechtskonservative Paranoia lieferte. In 24 geht es auch um die Verteidigung des „American Way“, dessen Grundidee sich im nationalen Leitspruch „E Pluribus Unum“ wiederfindet: der nationale Zusammenhalt der US-Amerikaner begründet sich in der größtmöglichen individuellen Freiheit der Einzelnen.
Der amerikanische Traum der harmonischen Verbindung von Individualismus und Kollektiv erfährt seine Begrenzung durch die rechtsstaatliche Ordnung. Die Einheit der Vielfalt verlangt Mäßigung, einen Mittelweg. Nur solange der Individualismus begrenzt bleibt, kann Amerika das Land der Freien und Gleichen bleiben. Seine amerikanischen GegenspielerInnen brechen die Regeln genauso selbstverständlich und regelmäßig wie Jack Bauer, allerdings stets aus zersetzendem, unverhältnismäßigem Eigeninteresse. Denn ein anderweitig begründetes Brechen der Regeln ist in diesem Serienkosmos nicht denkbar. Wer die herrschende Ordnung in Frage stellt, muss wahnsinnig sein. Die konsequente Bestrafung hierfür ist der Ausschluß aus dem nationalen Kollektiv – was in letzter Instanz durch den Protagonisten tödlich vollzogen wird.
Regelbrecher gibt es in 24 viele; der Regierungsapparat ist stets von Korruption durchsetzt, und im Verlauf der Serie (d.h. in ca. 12 vergangenen Jahren erzählter Zeit) hat nur eine PräsidentIn eine Amtszeit hinter sich bringen können, ohne Opfer eines Attentats zu werden, abgesetzt zu werden oder durch Absetzung eines Vorgängers ins Amt zu kommen. Auch auf den unteren Ebenen kollaboriert es sich gut mit den TerroristInnen; fast jede Staffel hält eine VerräterIn in den Reihen von Jack’s KollegInnen bereit. Jack Bauer hingegen binden Moralkodex, Loyalität und Treue zur Verfassung an seine Arbeit, die neben seiner Verpflichtung gegenüber der eigenen Familie sein Leben bestimmen – er verteidigt Verfassung und Familie als Fundamente der einen richtigen Weltordnung. Was meist gleichzeitig geschieht, denn die Verstrickung unschuldiger Familienmitglieder ist ebenfalls ein gerne wiederkehrendes Plotelement. Wer sich nicht an die Regeln hält muss sterben oder, seltener, in den Knast – Jack Bauer ist der Türsteher des bürgerlichen Rechtsstaats, der diejenigen aussortiert die die Ordnung auf der demokratischen Tanzfläche bedrohen.

Das am Anfang dieser Staffel gegen Jack Bauer gezeigte Verfahren läutet allerdings das Ende seiner Karriere ein, und dass nicht nur, weil Kiefer Sutherland langsam zu alt für die Rolle wird (der „achte Tag“ befindet sich zur Zeit bereits in der Produktion und ein darauffolgender Kinofilm ist in Planung). In der ersten Folge werden Bauer seine Verbrechen vorgeworfen – die Protokollbrüche, Menschenrechtsverletzungen und Morde, die er seit dem Serienstart im November 2001 angesammelt hat. Die Folgen des ständigen Regelbrechens bringen den Charakter nicht nur innerhalb der Serienwelt in Bedrängnis, langsam aber sicher verschwimmen auch für die Zuschauerin die Grenzen von Gut und Böse. Während der siebten Staffel drängt sich dem Publikum immer wieder die Frage auf, ob Bauer eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat oder inzwischen selbst zum Fanatiker geworden ist – ein Eindruck, der sich durch das wiederholte Infragestellen seiner Handlungen durch andere Charaktere noch verstärkt. Bauers ideologischer Lack ist nach sieben Jahren sichtbar abgetragen. Auch die Frage, ob sich der Einsatz für ein System noch lohnt, dass krankhaft anfällig für Korruption zu sein scheint, drängt sich der treuen Zuschauerin langsam auf. Auch deshalb ist Jack Bauer ein Auslaufmodell und gehört beerdigt, und das nicht nur um ihm endlich Ruhe zu gönnen: In 24 würde die bedrohte Weltordnung ohne ihn nämlich sicher zusammenbrechen, ruht sie doch hauptsächlich auf seinen Schultern. Im echten Leben ticken die Uhren leider anders. Bis es so weit ist wird er weiterhin Schläge und Kugeln einstecken, stellvertretend für die freie Welt. Das Zuschauen ist zugegebenermaßen spannend – und wo bekommt mensch heutzutage sonst schon das Gefühl, das die Weltordnung bedroht ist?