Essstäbchen sind das bessere Tibet


Eigentlich sind Holz-Essstäbchen ja Wegwerfprodukte, so wie Plastikgabeln oder Pappteller. Billige, kleine Mittler zwischen Nudel, Ente, Fisch, Tofu, Reis und Hungergefühl. Nicht weiter bemerkenswert also, auch wenn sie in ihrer Austauschbarkeit der kundigen Benutzerin immerhin die Möglichkeit bieten, sich (zumindest in der eigenen Wahrnehmung, wenn’s drauf ankommt, guckt ja eh keiner) von den ebenfalls austauschbaren Messer- und Gabel-Esserinnen am Nachbartisch abzuheben: wie weltgewandt, tolerant und fingerfertig erscheint doch die Person, die ihre gebackene Banane ungelenkt von Essstäbchen in den Honigklecks auf ihrem Teller fallen lässt im Vergleich zur Ihrer Nachbarin mit dem bauernhaft-vulgär auf einer Gabel aufgespießten Stück Tofu am Nachbartisch! Tiefe Gräben der Kosmopolität tun sich in diesem Moment plötzlich zwischen den Tischen jeder kleineren Nudel-und-Enten-Klitsche auf, in der das Nebeneinander von hölzernem Gestochere und klassischem Geschirrgeklappere auftritt.

Beruhigend, dass diese – für sich allein schon ganz ordentliche – Projektionsleistung auf dem die Stäbchen umfassenden Papierschuber in einer seltsamen Mischung aus Zurückhaltung, Unterstatement und Angeberei bestätigt wird:

„Please try your Food with this Chopsticks. The thousands years traditional and typical of Chinese glorious history and cultural.“

Die einleitende Bitte klingt fast wie ein Flehen. Bitte, bitte: nehmen sie mich zum Essen ihrer Nudeln! Ich bin ein unterdrücktes Kulturgut! Ich bin der einzige, traditionelle Weg, ihre Nudeln zu Essen! Ohne mich würdigen sie ihr Essen zu ordinärem Imbissbudenfraß herab!
Der zweite Satz legt dann richtig nach: ohne genau zu sagen wie (aber hey, es passiert!) fallen der hungrigen Benutzerin mit dem Auspacken dieser ganz besonderen Stäbchen tausende typische und traditionelle Jahre glorreicher chinesischer Geschichte und Kultur in die Hände! Wer könnte da nein sagen? Wer wollte sich dem verweigern?
Und letztlich: es sind nicht einfach nur Stäbchen! Nein, sie bringen Glück! Genau, genauso wie diese chinesischen Kekse! Nur halt ohne kleinen Zettel drin, aber auseinanderbrechen muss man sie auch erstmal!

Die schlaue Benutzerin der Stäbchen nimmt dafür Fingergymnastik und lange Reisaufsammelzeiten gerne in Kauf, kann sie doch so gutmütig auf ihre Mitmenschen herabblicken, ja, diese vielleicht sogar mit dem Weiterreichen der roten Sauce in der Plastikfalsche mit den fremden Schriftzeichen drauf mit dem seltenen Geschenk der Aufmerksamkeit eines so viel weltoffeneren Menschen beglücken! Was vorher Imbissbude war, wird kulinarische Begegnungsstätte (und man muss mit den Mitmenschen nicht mal reden, die kennt man ja gar nicht, und will man ja auch gar nicht, wenn die schon hierher esssen gehen, wer weiß, wie die drauf sind!).

Ab von all dem Quatsch hat man mehr vom Essen, wenn man erstmal das Gemüse weg hat und nur noch Reis übrig ist – der braucht dann meist seine Zeit. Sich – weil man Essstäbchen halten kann – für jemand schlauen und besseren zu halten und deswegen zu meinen, die Welt verstanden zu haben ist jedenfalls genauso begründet wie dieses durch das Tragen von bunten T-Shirts für Tibet auszudrücken. Schlimmer ist nur noch: diese zu verkaufen, und dafür dann noch Werbung in unseren Briefkasten zu werfen.