Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 1)

Egal ob Spiderman, Batman, Star Trek, oder Kampfstern Galactica: Nerd-affine Geschichte werden immer wieder neu erfunden, neu erzählt und neu aufgelegt. Wirkliches neues passiert dabei aber nur selten. Erster Teil einer kleinen Geschichte der Wiederholung.

Gute Witze halten sich selbst am Leben. Einmal erzählt und mit Gelächter bedacht wandern sie von der Erzählerin ins das Repertoire des Publikums, welches die guten Witze bei der nächsten Gelegenheit – mit der eigenen Betonung und den eigenen Auschmückungen, vielleicht sogar eigenen Pointen – an die nächstbesten Empfängerinnen weitererzählt. Mit guten Geschichten verhält es sich genauso, gerade in der großen Wiederverwertungsmaschine Hollywoods: die gute Geschichte hört erst auf erzählt zu werden, wenn niemand mehr zuhört. Dass bereits erzählte, erfolgreiche Geschichten oft nicht einfach beiseite gelegt und dem unfehlbaren, digitalen, sich selbst reproduzierendem Gedächtnis der Kulturindustie und seinen DVD-Regalen übergeben werden, sondern bei nächster Gelegenheit fortgesetzt, adaptiert, variiert oder neu erzählt werden ist dabei wohl nicht durch eine mangelnde Kreativität der Fernseh- und Filmmacherinnen zu erklären; manche Neuauflage besticht gerade durch das clevere Zitieren und Variieren des Originals. Die Wiederbelebung manchmal fast vergessener und mitunter gestorben geglaubter Stories geschieht immer in der Hoffnung auf ein Anknüpfen an frühere Publikumserfolge und ist schlicht den wirtschaftlichen Kalkulationen der Filmschaffenden zu verdanken.
Während neue, unbekannte Projekte sich, trotz ihres passgenauen Zuschnitts auf Zielgruppen, im Wettbewerb um die Zuschauergunst erst noch beweisen müssen, bietet das Wiederauflegen älterer Franchises Studios und Sendern die Möglichkeit ein Produkt am Markt platzieren, welches seine eigenen Fans – und damit Konsumenten – bereits mitbringt. Dieses Modell scheint besonders gut in Genres zu funktionieren, die sich mit dem Hauch des Fantastischen, Unrealistischen und Unterhaltsamen umgeben und als solche weniger einen Anspruch auf Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Seriösität gelten machen können. Während wohl niemand Filme von Luis Bunuel, Jean-Luc Godard oder Federico Fellini mit Fortsetzungen oder Neuadaptionen beglücken wollte, produzierte und produziert Hollywood in den letzten 20 Jahren eine nicht endende Reihe von Star Trek-, Star Wars-, Spiderman-, Batman-, James Bond-Neuauflagen und ähnlichem. Die Nerds, die verschrobenen, etwas merkwürdigen Serienfreaks, welche auf Aufforderung schnell alle Nebencharaktere und Darsteller ihrer Lieblingsfranchises herunterbeten können, sind dabei der Gewinner der Entwicklung zur Wiederverwertung von Althergebrachtem und werden inzwischen eher liebevoll als argwöhnisch beäugt. Eher, so scheint es, hört die Sonne auf zu scheinen, als dass Trekkies keine Aussicht auf neue Abenteuer von mutigen Sternenflotten-Kapitäninnen mehr haben dürfen oder Kal-El endgültig stirbt. Das stetige Wieder-Aufleben-Lassen alter Geschichten vergrößert durch das Hinzugewinnen neuer Zuschauerinnen die Popularität und Zielgruppe der jeweiligen Produkte und Serien weiter und weiter. Treffenderweise gleicht diese Entwicklung dem Szenario des Zombiefilms: das Totgeglaubte taucht aus der Versenkung auf und infiziert die neue Konsumentinnengruppen zu Anängern. Die Nerd-Culture bezieht ihren Antrieb aus der endlosen Wiederholung und Variation einer überschaubaren Anzahl immer wieder zu erzählenden Stories.


Wiedergänger im All

Neben dem wiederholten Wiederbeleben von Comic-Heldinnen und alten TV-Helden durch das Kino recycelt das US-Fernsehen dabei selbst fleißig die eigenen Produkte. Dabei haben sich in den letzten Jahren zwei erfolgreiche Schnittmuster für die Weiterverwertung erfolgreicher und populärer Franchises entwickelt. Neben dem „Re-Boot“, der naheliegenden, schlichten Fortsetzung der Original-Erzählung mit neuen Darstellern und Charakteren innerhalb des bisher etablierten Serienkanons – wie etwa der Fall bei den neueren Star Trek-Fernsehserien, der jüngeren Star Wars-Trilogie oder der Neuauflage des britischen Klassikers Doctor Who (seines Zeichens die am längsten laufende Science-Fiction-Serie aller Zeiten) – etablierte sich spätenstens mit Tim Burton’s 1989er Version von Batman das später in Abgrenzung „Re-Imaging“ betitelte Recyclingverfahren. Hierbei wird die bisher etablierte Serienwelt mitsamt seiner Charaktere und erzählten Plots zunächst über den Haufen geworfen, um mit der Essenz der Story noch einmal ganz von vorne anzufangen. Behalten wird dabei die Grundprämisse der Serie; Charaktere und Details werden aber – in unterschiedlichem Ausmaß – neu entworfen,variiert und aktualisiert und die Geschichte nocheinmal „von vorn“ erzählt, was neuen ZuschauerInnen den Einstieg erleicherten soll. Spider-Man, James Bond und, inzwischen zum zweiten Mal, Batman sind so im letzten Jahrzehnt neu gestarten worden. Auch das alterwürdige Star Trek-Franchise konnte dieses Jahr so erneut mit jüngeren Versionen von Kirk und Spock für gute Zahlen an den Kinokassen sorgen. Über das US-Fernsehen erreicht so seit 2003 eine neue, düstere Version von Kampfstern Galactica die Fernseher, Ti-Vos und Media-Player interessierter Nerds weltweit.

Die Prämisse von Kampfstern Galactica bleibt auch hier grundlegend die gleiche wie im 1978er Original, welches den meisten Zuschauerinnen hierzulande hauptsächlich durch Wiederholungen im RTL-Vormittagsprogramm der 1990er Jahre bekannt sein dürfte. Produziert vom späteren Knight Rider-Macher Glen A. Larson erzählte die Serie die Geschichte einer außerirdischen Menschheit, deren 12 Planten umfassende Zivilisation im Pilotfilm durch einen überraschenden Angriff einer aggressiven Roboter-Spezies, der Zylonen, zerstört wird. Im Verlauf der Serie versuchen die letzten Überlebenden sich an Bord des Kampfschiffes Galactica und der diese begleitenden Flotte von unbewaffneten zivilen Raumschiffen zum mythischen, verloren geglaubten Schwesterplaneten Erde durchzuschlagen. Larson versuchte damit 1978 relativ unverholen an den Erfolg von des ersten Star Wars-Teils anzuschließen, welcher im Vorjahr das die englische Sprache um den Begriff des „Block-Busters“ bereichert hatte. Dementsprechend sieht Kampfstern Galactica dann auch aus wie eine TV-Version von Lucas Sternenkriegstrilogie – komplett mit esoterisch-aufgeladener Mythologie, sprücheklopfenden jugendlichen Heldinnen und weißbärtigen Vaterfiguren, actionreichen Weltraumschlachten und plüschig-liebevollen Liliputaneraliens für die Kleinen. Kampfstern Galactica war eine für damalige Verhältnisse ungeheuer aufwendige TV-Produktion, welche mit einem Budget von einer Million US-Dollar pro Folge und dem eingekauften Können des Star-Wars-Effektmeisters John Dykstra erstaunlich nah an Lucas’sche Spektakel herankam. Dass die Serie aber bereits nach einer Staffel eingestellt wurde lag daher wohl auch weniger an der aufwendigen Produktion als an Problemen mit der weiteren Finanzierung, mangelnden Einschaltquoten und den manchmal haarsträubend dämlichen Plots.
Dabei konnte die Serie ähnlich wie Star Wars mit einer aus Popkultur und Religion zusammengeklaubten Mythologie aufwarten. Die Idee der außerirdischen „Brothers of Man“, welche in den fernen Weiten des Alls um ihr Überleben kämpfen ist dabei eine elaborierte Version der esoterischen „Ancient Astronaut“-Theorie des schweizer Pseudo-Wissenschaftlers Erich von Däniken, in dessen populärem Buch Chariots of the Gods? (dt. Erinnerungen an die Zukunft, 1969) über einen außerirdischen Ursprung der Menschheit und die Identität der menschlichen Götter mit außerirdischen Besuchern fabuliert wird. Mit seinem Star Wars-Look, eingestreuten Versatzstücken aus Larson’s mormonischer Religion und griechischer Mythologie und dem Verwursten der „Ancient Astronaut“-Theorie von Dänikens war das 2003 wiederbelebte Original selbst schon Produkt eines eher mehr als weniger ungeschickten Recyclingverfahrens: dem des simplen Abkupferns und Nachahmens.

Fortsetzung folgt: Wagenzüge zu den Sternen, amerikanische Gründungsmythen und deren endlose Widerholung in endlosen Weiten.


1 Antwort auf „Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 1)“


  1. 1 Fear of a Nerd-President? « CRT Life Pingback am 18. August 2009 um 14:16 Uhr
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