Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 2)

Wagenzüge zu den Sternen
Trotz des Misserfolgs des Galactica-Franchises erschien eine Neuauflage der Geschichte um die vor bösen Robotern fliehenden Schwerstern und Brüder der Menschheit im Zuge der im neuen Jahrtausend grassierenden Wiederbelebungsmanie den Verantwortlichen beim US-Sender Sci-Fi (seit diesem Jahr unter dem Namen Sy-Fy firmierend) wie eine gute Idee, hatte sich die Serie doch in den letzten 25 Jahren dank häufiger Wiederausstrahlungen eine nicht zu verachtende Fanbasis erspielt. Die behutsam modernisierte Geschichte blieb dabei grundlegend die gleiche wie in der 1978er Version. Mit dem feinen Unterschied, dass die sich gegen die Menschliche Zivilisation wendenden Roboterbedrohung hier menschengemacht ist: metallerne Versionen von Frankenstein’s Monster also, die sich gegen ihre Erschaffer wenden. Auch hier werden zwölf Planeten mitsamt ihrer Millarden Bewohner zerstört, auch hier bleibt das tapfere Raumschiff Galactica zusammen mit einer überschaubaren Anzahl von unbewaffneten Frachtern und Handelsschiffen letzte Hoffnung einer dezimierten Menschheit, welche, von einem unbarmherzigen Feind verfolgt, sich ihre Rettung von dem Erreichen eines mythisch verklärten, paradisischen Planeten namens Erde erhofft. Die Geschichte zeichnet dabei erneut relativ offensichtlich den amerikanischen Gründungsmythos der heimatlosen, verstoßenen Siedler nach, welche mit wenigen Habseligkeiten und einer handvoll Schiffen nach der strapaziösen Reise über den Atlantik das noch nicht eroberte nordamerikanische Festland vorfanden und dort die Grundsteine für die amerikanische Zivilisation legen sollten.
Damit steht die Neuauflage von Kampfstern Galactica in bester Tradition des amerikanischen Sci-Fi-Fernsehens: Bereits eine andere, 1966 zum ersten Mal über Amerikanische Bildschirme geflimmerte Serie, welche sich in sich in den nachfolgenden Jahrzehnten um erfolgreichsten amerikanischen Science-Fiction-Franchise neben Star Wars entwickeln sollte, teilt diese Grundprämisse, und trägt den Bezug auf die Besiedlung Nordamerikas bereits im Namen: Gene Roddenberrys Star Trek – der Wagenzug zu den Sternen.
Roddenberry konzipierte seine Serie durchaus mit politischem Anspruch, als wenig verhüllter Kommentar auf den US-Alltag der 60 Jahre, erfand dabei aber selbst das Rad nicht neu. Als Inspirationsquelle diente ihm die populäre Western-Serie Wagon Train, welche die Reise eines Siedler-Treks von Missouri nach Kalifornien kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg nachzeichnet. Seinen Serienentwurf verkaufte Roddenberry dementsprechend als ein „Wagon Train to the Stars“, womit er eine Verbindung zwischen dem fantastischen, utopischen Weltraum-Setting und einem der Gründungsmythen der amerikanischen Geschichte schaffte. Die Besiedlung des amerikanischen Westens und die Zeit der Reconstruction, des Wiederaufbaus und Wiederzusammenwachsens der jungen Nation nach dem amerikanischen Bürgerkrieg – beide an sich schon Stoff für eine schier unendliche Zahl Romanen, Filmen und Geschichten – sind als solche definierende Momente für das nationale Selbstverständnis der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Besiedlungsgeschichte der Teile Nordamerikas, welche heute zu den USA gehören, hatte einen ihrer Anfänge n der Landung der puritanischen Siedler innen in Massachusetts und Virginia, im erschließen des heiligen Landes, welches den von den Siedlerinnen als von Gottes Hand gegeben verstanden wurde und das von ihnen anschließend (mitsamt seinen „heidnischen“ Bewohnern) unterworfen und zivilisiert werden musste. Die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts folgende Weiterverschiebung der Grenze nach Westen, und die damit einhergehende fortschreitende Besiedlung verlängerte diese Vorstellung vom Auftrag zur Zähmung, Unterwerfung und Zivilisierung des nordamerikanischen Kontinents. Gleichzeitig traten im weiteren Verlauf dieses Prozesses die sozialen Gegensätze, welche die US-amerikanische Gesellschaft von Beginn an charakterisiert hatten offener zu Tage. Neben dem amerikanischen Bürgerkrieg und seiner Auseinandersetzung zwischen „freien“ und die Sklavenhaltung unterstützenden Bundesstaaten als offensichtlichster Manifestation des Konflikts um die Inkompabilität der bürgerlich-demokratischen US-Verfassung und der beginnenden Industrialisierung im Norden mit den quasi-feudalen Verhältnissen im Süden, wurde der Ost-West-Gegensatz, welcher die Vereinigten Staaten noch heute prägt, langsam sichtbar. Die Ostküste der USA repräsentierte dabei, als der Landeort der amerikanischen Siedlerinnen, und Mitte des 19 Jahrhunderts mit seinen Metropolen – allen voran wohl New York und Washington – und Theatern, Museen, Hochschulen und politischen Szenen das europäische Erbe der jungen Nation. Dem modernen, urbanen, sich langsam industrialisierendem Osten und seinen von „Westerners“ später als zu intellektuell und verweichlicht wahrgenommenen Bewohnerinnen stand das harte, wilde Leben im Westen gegenüber. Die als amerikanisches Projekt verstandene Besiedlung des Westens und das Weiterverschieben der Grenze wurde durch diesen sich verstärkenden Gegensatz romantisch verklärt und mit der Zeit Stoff für das Ur-amerikanische Genre des Westerns auf dessen endlosen Weiten sich die harten amerikanischen Männer gegen die unbarmherzige Natur und die „heidnischen“ Bewohnerinnen beweisen mussten. Der Cowboy, die wohl amerikanischste aller Heldenfiguren, war geboren.
Die Konzeption als „Western im All“ findet in Star Trek nicht nur im Titel ihren Ausdruck, sondern wird in der Eingangsnarration noch einmal deutlich unterstrichen: „Space, the final Frontier“ – der Weltraum ist die letzte Grenze des amerikanischen Kolonisations- und Zivilisationsprojektes. Dem Zeitgeist der späten 60er entsprechend, findet die Geschichte der Emanzipationsbestrebungen der amerikanischen sozialen Bewegungen ihren Ausdruck in der Zusammensetzung der Brückencrew der Enterprise, welche – natürlich unter klarer Führung des Amerikaners James T. Kirk – neben dem Schotten Scotty, dem Russen Chekov, dem Asiaten Sulu, der Afrikanerin Uhura als exotischste Verkörperung des Fremden und Anderen den außerirdischen ersten Offzier Spock beinhaltet. Star Trek erzählt die Geschichte einer erfolgreichen, nach amerikanischem Vorbild geformten, pluralistischen und geeinten menschlichen Zivilisation, welche den Gründungsmythos von der Zivilisierung des unbekannten Raumes nachvollzieht.

Fortsetzung folgt: Kampfstern Galactica, War on Terror und die stetige Wiederholung