Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 3)

Star Wars on Terrorism

Der politische Anspruch, mit dem Macher Roddenberry die Produktion des später um unzählige Inkarnationen erweiterten Star Trek-Franchises begann kommt – neben der internationalen Besetzung der Brückencrew – besonders in der Motivation der Charaktere und der Darstellung der zukünftigen Welt zum Ausdruck. Star Trek präsentiert eine utopische Welt, in der alle materiellen Mängel und alle internen Streitigkeiten auf dem Planeten Erde (und innerhalb der weitere Planeten umfassenden Föderation) beseitigt und beigelegt sind. Die Energieversorgung der Zivilisation ist durch fortschrittlichste Technik kein Problem mehr, und omnipräsente Materieumwandler (sogenannte Replikatoren) schaffen jeden nur erdenklichen Gegenstand aus dem Nichts, fast ohne dass aufwendige Herstellungsprozesse oder die Ausbeutung natürlicher Ressourcen dafür noch notwendig wären. Das Projekt der Erschließung des Weltraumes geschieht in Star Trek nicht aus ökonomischem Gewinnstreben oder aus einer Notwendigkeit zur Sicherung des Überlebens der Menschheit, sondern aus reiner wissenschaftlicher Neugier. Auch die Sternenflotten-Crews, welche die Föderationsraumschiffe bemannen tun dieses nicht etwa weil ein allgemeiner Wehrdienst sie dazu zwingen würde oder weil sich durch den Dienst persönlicher Reichtum anhäufen lassen könnte; allein die Neugier und die Lust auf das Abenteuer motivieren die Besatzung des Raumschiffes Enterprise zum manchmal lebensgefährlichen Einsatz in den unendlichen Weiten. Persönliches Gewinnstreben und Konkurrenzdenken ist den Menschen in einer Welt, in der auch das Geld abgeschafft worden ist, fremd. Durch die Diskrepanz zwischen der dargestellten optimistischen Utopie und den Zuständen der 60er Jahre wurde die Serie so zum kritischen Kommentar auf die US-amerikanische Gesellschaft.
Trotz ähnlichem Setting, dem ähnlich offensichtlichen Bezug auf den amerikanischen Gründungsmythos und einem ebenfalls recht offentsichtlichem Verhandeln aktueller politischer Inhalte geht die 2003er Neuauflage von Kampfstern Galactica hier einen anderen Weg. Anstelle der Darstellung einer utopischen Zukunft präsentiert die Serie ihre menschliche Zivilisation vielmehr als analog zur den gegenwärtigen US-Gesellschaft. Trotz des zu Beginn der Serie nur ungenau zeitlich und räumlich bestimmten Settings gibt sich die dargestellte Gesellschaft betont amerikanisch: die menschlichen Charaktere sind Bürger eines föderalistisch-demokratischen Staates, dessen Organisation mit Präsident und Repräsentantenhaus dem amerikanischen Modell gleicht, und ihr Leben ist vom selben modernen Zwängen zum Verkauf der Arbeitskraft gegen Geld zur Sicherung des Lebensunterhalts geprägt. Die Analogie wird zu dem durch die Darstellung des nationalen Traumas des Zylonen-Angriffes gestärkt, welcher am Anfang der den Serienverlauf umspannenden Geschichte steht. War dieser trotz der dramatischen Umsetzung in der 1978er Version noch einfach Anfangspunkt der Erzählung der fantastischen Reise der Überlebenden zum mythisch-verklärten Planeten Erde, so gewinnt der Angriff im Post-9/11-Kontext der Neuauflage eine besondere Aktualität. Die Angriffe Al-Kaidas auf die Türme des WTC und das Pentagon am 11. September 2001 stellten und stellen für das amerikanische Selbstbewusstsein ein schwerwiegendes Trauma dar, dessen Nachwirkungen die US-Innen- und Außenpolitik und das Selbstverständnis der Amerikanerinnen noch auf Jahre prägen werden. Entstand die Originalserie noch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der nuklearen Bedrohung durch den Ost-West-Konflikt, so signalisierten die Ereignisse vom 11. September nach der, vom US-Standpunkt aus gesehen, eher ruhigen weltpolitischen Phase von 1990 bis 2001 den Anbruch der neuen Periode des „War on Terror“. Die mit dem Zusammenbruch des Ostblocks eingeleitete Phase der weltpolitischen Entspannung bedeutete für die USA zunächst das Wegfallen der großen feindlichen Supermacht, gegenüber der sich die amerikanische Nation stets auch in Abgrenzung definieren musste – durch die Betonung der nationalen Werte von Freiheit, Individualismus und Pluralität der Gesellschaft, die als Gegenentwurf zum sowjetischen System vorgestellt wurden. Das plotzliche Wegfallen dieser Bedrohung schien die Überlegenheit und Unantastbarkeit der amerikanischen Nation zu bestärken, da mit der Sowjet-Union der einzige als ebenbürtig anzusehende Gegenentwurf von der weltpolitischen Bühne verschwunden war. Diese Selbstsicherheit löste sich mit den Angriffen des 11. Septembers über Nacht in Luft auf. Die für die amerikanische Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit völlig unerwarteten Angriffe vom elften September präsentierten sich somit als gewaltsame Infragestellung des amerikanischen Modells nach dem Ende der Sowjetunion – gerade auch durch das Ausmaß ihrer Gewalttätigkeit und die hohen zivilen Opferzahlen. Auch die Tatsache, dass sie den ersten kriegerisch defnierten Angriff auf amerikanischem Boden seit der japanischen Bombadierung von Pearl Harbor darstellten unterstreicht die Tragweite der Ereignisse vom 11. September 2001 für das nationale Selbstbewusstsein.

Dass der am Beginn der Erzählung der Neuauflage von Kampfstern Galactica stattfindende Schlag gegen die als amerikanisch präsentierte Nation in diesem neuen, veränderten Setting der Bedrohung als allegorische Repräsentation des noch frischen nationalen Traumas interpretiert werden kann wird dabei noch durch die Art der Darstellung unterstrichen. Im Pilotfilm der Serie werden die Angriffe der Zylonen auf die Heimatwelten der Colonials nicht direkt und unmittelbar und direkt dargestellt, sondern vermittelt in Form von TV-Nachrichten, welche Bilder von explodierenden Städten, aschebedeckten Straßenzügen und sprachlosen Moderatorinnen zeigen. Der Blick der Charaktere der Serie auf das eigene nationale Trauma gleicht damit dem des Großteils der amerikanischen Bevölkerung auf die Bildschirme an jenem schicksalshaften Morgen im September 2001. Ähnlich wie die Mehrheit der US-Amerikaner nach dem 11. September werden die Überlebenden der Angriffe im weiteren Verlauf der Serie zunächst als von den Ereignissen paralysierte, überwältigte und überforderte Individuen gezeigt. Der Weg zur Überwindung dieses Traumas der Verletzung des nationalen Selbstverständnisses führt hier, im Kosmos der TV-Serie, über die mit Hoffnungen aufgeladene Reise zum sicheren Hafen Erde – und damit über ein allegorisches Wiedererzählen der amerikanischen Gründungsgeschichte in Zeiten einer die US-Gesellschaft umfassenden Unsicherheit. Erscheint die Erzählung von Kampfstern Galactica zunächst moderne Verkörperung des Star Trek-Mottos vom „Wagenzug zu den Sternen“, so wird bei genauer Betrachtung klar, dass der Bezug auf die Besiedlung Amerikas hier nicht genutzt wird um den Bezugsrahmen einer gesellschaflichen Utopie darzustellen, sondern als Chiffre einer allegorischen Erzählung auf die gegenwärtige Lage der Nation selbst zu lesen ist. Dieser Kontext wird im weiteren durch die Darstellung der Zylonen-Bedrohung im weiteren Verlauf klar. Die Zylonen – welche in der Neuauflage auch in humanoider, also biologisch-menschlicher Form auftreten – führen ihren Krieg gegen die Überlebenden mittels terroristischen Strategien wie Schläfer-Zellen und Selbstmordattentaten. Die Popularität der Serie speist sich sicherlich auch durch die Aktualität der in ihr verhandelten Thematik. Galactica befindet sich damit übrigens in guter Gesellschaft – auch andere US-TV-Produktionen wie Jericho oder 24 beziehen sich auf die eine oder andere Weise sehr offen auf die veränderte (Sicherheits-)Lage der USA. Im Wettbewerb um die Gunst der Zuschauerinnen wiederholen diese Serien ebenso wie Kampfstern Galactica die Geschichte von der Bedrohung der amerikanischen Nation durch terroristisch handelnde, omnipräsente Feinde, welche sich nicht mehr durch einfache Kategorisierungen nach Staatsbürgerschaft, Parteibuch oder Klassenzugehörigkeit identifizieren lassen. Eine Erzählung, die sich nicht zufällig wie eine fiktionalisierte Version amerikanischer Nachrichtensendungen lesen lässt.

Fortsetzung und Ende folgt: Re-enactment der fiktiven Geschichte und die Entsorgung der Utopie in der US-Science-Fiction.


3 Antworten auf „Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 3)“


  1. 1 ♥Tekknoatze 26. August 2009 um 14:24 Uhr

    Heute Nacht träumte ich dein Blog wär weg und jetzt les ich dies, das macht mich sehr froh. :)

  2. 2 Sr. de Nada 26. August 2009 um 15:21 Uhr

    danke, schön das es gefällt :-)

    weiß jetzt aber nicht, ob ich mir sorgen darum machen soll, dass du schon vom bloggen träumst, da gibts doch so viel anderes schönes material mit sich der ausgeschaltete kopf des nachts beschäftigen könnte…

  3. 3 ♥Tekknoatze 26. August 2009 um 17:09 Uhr

    Mein kleiner Freud ist eifrig am Ackern. ;) Und weil ich ansonsten von so schönen Sachen wie Stressfucktor oder Sonnenaufgängen träume mach ich mir noch keine Sorgen. ;)

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