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Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 4)

Rücksturz in den Normalvollzug

Der Erfolg der jüngeren Galactica-Inkarnation scheint das Serienkonzept der geschickten Vermengung von politischer Allegorie, aufwendigen Effekten und der Wiederaufnahme etablierter Erzähltraditionen zu bestätigen. Die amerikanische Television Critics Association erklärte die Serie dieses Jahr zum „Program of the Year“, etablierte Printmedien wie die altehrwürdige The New York Times sparten nicht mit Lob, und auch begehrte Preise wie der „Peabody Award“ wurden dem Weltraumepos bereits verliehen. Über weite Strecken ist die Serie dann auch tatsächlich handwerklich superb in Szene gesetzte Unterhaltung, und dass nicht allein aufgrund des visuell beindruckend umgesetzten Szenarios. Kampfstern Galactica versteht sich selbst, trotz der teuren, actionreichen Materialschlachten, welche der Zuschauerin immer wieder geboten werden, als „character-driven“, also als Drama um das Schicksal der vor dem zivilisatorischen Abgrund stehenden Überlebenden des Genozids der Roboter. Dabei gibt sich die Serie betont düster: auf den Schiffen der Flotte herrscht militärische Disziplin, die Sets sind meist wenig ausgeleuchtet und verbreiten eine klaustrophobische U-Boot-Atmosphäre und zusätzlich zum eh schon harten Schicksal machen alltägliche Probleme wie Alkoholismus, Übergewicht, oder Beziehungs- und Familienkonflikte das Leben der Charaktere schwer. Mal ganz abgesehen von den unzähligen menschlichen und materiellen Verlusten die die Flotte der Überlebenden in schöner Regelmäßigkeit verkraften muss. Galactica dreht sich seit 2003 also weniger um Weltraumkämpfe als um Menschen am Rande des zivilisatorischen und persönlichen Zusammenbruchs. Trotz dieser Unterschiede zum poppigen Original bleibt der Bezug zur Vorlage stets präsent. Zu aller erst – und am offensichtlichsten – wohl in den Charakteren, die ihre Namen mit den Hauptfiguren der 1979er Version teilen; darüber hinaus aber ebenso im Retro-Look der Serie; Kostüme, Logos, und Raumschiffdesigns der Vorlage finden in der Neuauflage zum Teil fast identische Entsprechungen. (mehr…)

Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 3)

Star Wars on Terrorism

Der politische Anspruch, mit dem Macher Roddenberry die Produktion des später um unzählige Inkarnationen erweiterten Star Trek-Franchises begann kommt – neben der internationalen Besetzung der Brückencrew – besonders in der Motivation der Charaktere und der Darstellung der zukünftigen Welt zum Ausdruck. Star Trek präsentiert eine utopische Welt, in der alle materiellen Mängel und alle internen Streitigkeiten auf dem Planeten Erde (und innerhalb der weitere Planeten umfassenden Föderation) beseitigt und beigelegt sind. Die Energieversorgung der Zivilisation ist durch fortschrittlichste Technik kein Problem mehr, und omnipräsente Materieumwandler (sogenannte Replikatoren) schaffen jeden nur erdenklichen Gegenstand aus dem Nichts, fast ohne dass aufwendige Herstellungsprozesse oder die Ausbeutung natürlicher Ressourcen dafür noch notwendig wären. Das Projekt der Erschließung des Weltraumes geschieht in Star Trek nicht aus ökonomischem Gewinnstreben oder aus einer Notwendigkeit zur Sicherung des Überlebens der Menschheit, sondern aus reiner wissenschaftlicher Neugier. Auch die Sternenflotten-Crews, welche die Föderationsraumschiffe bemannen tun dieses nicht etwa weil ein allgemeiner Wehrdienst sie dazu zwingen würde oder weil sich durch den Dienst persönlicher Reichtum anhäufen lassen könnte; allein die Neugier und die Lust auf das Abenteuer motivieren die Besatzung des Raumschiffes Enterprise zum manchmal lebensgefährlichen Einsatz in den unendlichen Weiten. Persönliches Gewinnstreben und Konkurrenzdenken ist den Menschen in einer Welt, in der auch das Geld abgeschafft worden ist, fremd. Durch die Diskrepanz zwischen der dargestellten optimistischen Utopie und den Zuständen der 60er Jahre wurde die Serie so zum kritischen Kommentar auf die US-amerikanische Gesellschaft. (mehr…)

Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 2)

Wagenzüge zu den Sternen
Trotz des Misserfolgs des Galactica-Franchises erschien eine Neuauflage der Geschichte um die vor bösen Robotern fliehenden Schwerstern und Brüder der Menschheit im Zuge der im neuen Jahrtausend grassierenden Wiederbelebungsmanie den Verantwortlichen beim US-Sender Sci-Fi (seit diesem Jahr unter dem Namen Sy-Fy firmierend) wie eine gute Idee, hatte sich die Serie doch in den letzten 25 Jahren dank häufiger Wiederausstrahlungen eine nicht zu verachtende Fanbasis erspielt. Die behutsam modernisierte Geschichte blieb dabei grundlegend die gleiche wie in der 1978er Version. Mit dem feinen Unterschied, dass die sich gegen die Menschliche Zivilisation wendenden Roboterbedrohung hier menschengemacht ist: metallerne Versionen von Frankenstein’s Monster also, die sich gegen ihre Erschaffer wenden. Auch hier werden zwölf Planeten mitsamt ihrer Millarden Bewohner zerstört, auch hier bleibt das tapfere Raumschiff Galactica zusammen mit einer überschaubaren Anzahl von unbewaffneten Frachtern und Handelsschiffen letzte Hoffnung einer dezimierten Menschheit, welche, von einem unbarmherzigen Feind verfolgt, sich ihre Rettung von dem Erreichen eines mythisch verklärten, paradisischen Planeten namens Erde erhofft. Die Geschichte zeichnet dabei erneut relativ offensichtlich den amerikanischen Gründungsmythos der heimatlosen, verstoßenen Siedler nach, welche mit wenigen Habseligkeiten und einer handvoll Schiffen nach der strapaziösen Reise über den Atlantik das noch nicht eroberte nordamerikanische Festland vorfanden und dort die Grundsteine für die amerikanische Zivilisation legen sollten. (mehr…)

Nerd-Culture in der Endlosschleife (Teil 1)

Egal ob Spiderman, Batman, Star Trek, oder Kampfstern Galactica: Nerd-affine Geschichte werden immer wieder neu erfunden, neu erzählt und neu aufgelegt. Wirkliches neues passiert dabei aber nur selten. Erster Teil einer kleinen Geschichte der Wiederholung.

Gute Witze halten sich selbst am Leben. Einmal erzählt und mit Gelächter bedacht wandern sie von der Erzählerin ins das Repertoire des Publikums, welches die guten Witze bei der nächsten Gelegenheit – mit der eigenen Betonung und den eigenen Auschmückungen, vielleicht sogar eigenen Pointen – an die nächstbesten Empfängerinnen weitererzählt. Mit guten Geschichten verhält es sich genauso, gerade in der großen Wiederverwertungsmaschine Hollywoods: die gute Geschichte hört erst auf erzählt zu werden, wenn niemand mehr zuhört. Dass bereits erzählte, erfolgreiche Geschichten oft nicht einfach beiseite gelegt und dem unfehlbaren, digitalen, sich selbst reproduzierendem Gedächtnis der Kulturindustie und seinen DVD-Regalen übergeben werden, sondern bei nächster Gelegenheit fortgesetzt, adaptiert, variiert oder neu erzählt werden ist dabei wohl nicht durch eine mangelnde Kreativität der Fernseh- und Filmmacherinnen zu erklären; manche Neuauflage besticht gerade durch das clevere Zitieren und Variieren des Originals. Die Wiederbelebung manchmal fast vergessener und mitunter gestorben geglaubter Stories geschieht immer in der Hoffnung auf ein Anknüpfen an frühere Publikumserfolge und ist schlicht den wirtschaftlichen Kalkulationen der Filmschaffenden zu verdanken. (mehr…)

Der Siebte Tag – „24″ und die Rettung der Welt (Teil Zwei)

Folterwerkzeuge
Folterndes Storytelling
Grade die Darstellung von Folterszenen hat 24 in den letzten Jahren viel Kritik eingebracht. Neben den häufig sehr drastischen Gewaltdarstellungen wurde der Serie vorgeworfen, dazu beizutragen Folter als legitimes Mittel zu etablieren und ihre Anwendung damit im öffentlichen Bewusstsein zu normalisieren und zu rechtfertigen. Tatsächlich wird in 24 inflationär häufig gefoltert: während das US-Fernsehen in den Jahren 1996-2001 mit 102 Folterszenen aufwarten konnte, schnellte die Zahl besagter Darstellungen im Zeitraum 2002-2005 bereits auf 624 Szenen – 67 davon stammten allein aus den ersten fünf Staffeln der Serie. (mehr…)

Der Siebte Tag – „24″ und die Rettung der Welt (Teil Eins)

Bei 24 ist es stets fünf vor 12.

Kiefer Sutherlands Serie über Jack Bauer, den hyperaktiven Türsteher des demokratischen Rechtsstaats, bleibt auch in der siebten Staffel erzkonservativer Scheiß. Das Zuschauen ist trotzdem spannend – erster Teil einer kleinen Einführung in die bedrohte Weltordnung von „24“.

Jack Bauer, Kiefer Sutherland’s pflichtbesessenes, republikanisches und üblicherweise bis zur Selbstzerstörung aktives Alter-Ego ruht. Seine Augen sind geschlossen, sein Körper geschunden, einzig die piependen und blinkenden medizinischen Geräte sorgen für etwas Unruhe. Jack Bauer liegt im künstlich induzierten Koma, hat mit seinem Leben abgeschlossen. Und sich selbst für seine Taten vergeben, für die er kurz zuvor bei einem muslimischen Geistlichen Beichte abgelegt hat. So endete vor kurzem die siebte Staffel 24; zuvor folterte, prügelte, schoss, analysierte und argumentierte der blonde Anfangfünfziger sich noch dreiunzwanzigeinhalb Stunden lang zum Wohl des amerikanischen Rechtsstaats durch Gerichtsverhandlungen, Verbrecher, Paramilitärs, afrikanische Terroristen und verräterische Freunde. Erst am Ende des siebten Tages bekommt Jack seine verdiente Ruhe. Vorübergehend, versteht sich. (mehr…)